Die Arroganz des Markus Lanz
am Donnerstag, den 8. Dezember 2011 um 11:49 Uhr von Benjamin veröffentlicht
Erschreckend: Man zappt nach der wöchentlichen Folge How I Met Your Mother noch ein wenig durch das herkömmliche deutsche Fernsehprogramm und sieht im ZDF am späten Abend einen erwachsenen Mann in orangefarbener Latzhose zwischen den sonst seriös gekleideten Gästen sitzen.
In der Sendung ging es wider Erwarten nicht um die Lohn- und Arbeitsbedingungen städtischer Entsorgungsangestellter. Stattdessen war es eine Folge von Markus Lanz, der ZDF-Talkshow, die von ebenjenem moderiert wird. Thema: Keins, wie immer. Entgegen dem Trend, Sendungen gut zu strukturieren, macht Lanz regelmäßig den Kerner und bringt Gäste zu völlig unterschiedlichen Themen zusammen.
Der verhältnismäßig junge Mann im beschriebenen Dress war Gerwald Claus-Brunner (39, Foto), Mitglied der Piratenpartei und des Berliner Abgeordnetenhauses. Sein unkonventionelles Auftreten war mir sympathisch, ebenso seine Thesen zum kurz thematisierten Grundeinkommen. Obwohl ich als bekennender Sozialdemokrat unter Generalverdacht stehe, wenn es um Diskreditierung der Piratenpartei geht, hat mich an diesem Abend nicht Gerwald (auch nicht sein Outfit), sondern der Namensgeber der Sendung gestört.
Nun mag es nicht der Anspruch von Herrn Lanz sein, eine echte Diskussionskultur oder politische Debatten auf hohem Niveau zu bieten. Auf welche Weise der „Pirat” am vergangenen Dienstag (6. Dezember) vom Moderator behandelt wurde, ist jedoch eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht würdig.
Lieber Markus Lanz,
es ist sicher schwer, das Niveau nach einigen Jahren bei RTL wieder auf ein anständiges Maß zu heben. Es gibt aber Regeln, die man aus Anstand und Höflichkeit einhalten muss:
- man lässt seine Gäste ausreden
- man lädt Gäste nicht ein, um sie durchweg durch den Kakao zu ziehen
- man macht sich nicht darüber lustig, dass es auch Politiker gibt, die nicht im maßgeschneiderten Anzug in Ihrer Sendung erscheinen
- von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen hat man jede Meinung, weicht sie auch noch so sehr von der eigenen ab, zu akzeptieren
- man unterbricht einen leidenschaftlich argumentierenden Politiker nicht, um Karl Moik nach seiner politischen Einstellung zu fragen und eine Antwort aus dem 16. Jahrhundert zu erhalten.
Mit welcher Arroganz Sie Herrn Claus-Brunner diskreditiert haben, als sei er Teil einer Spaßbewegung, war einfach nicht in Ordnung. Das wird es auch nie sein. Man kann der Piratenpartei gegenüber eine negative Einstellung haben, man sollte sich allerdings nicht über alle ihre Mitglieder erheben und sie mit billigsten Studentenklischees als Spaßpartei abkanzeln. Aufstehen am Nachmittag, keinen Bock auf Arbeit, Ämter werden ausgeknobelt… solche Parteien gibt es auch.
Die Piraten jedoch, auch wenn ich sie nicht wählen würde, haben ein echtes Anliegen. Das sollte man respektieren, auch wenn man bei RTL groß geworden ist.
